Der Kinofilm "Wilde Unschuld" (Savage Grace) erzählt die atemberaubende und wahre Geschichte der Baekelands, deren direkter Vorfahre Leo Hendrik Baekeland es durch die Erfindung und industrielle Fertigung des Kunststoffs Bakelit zu unermesslichem Reichtum brachte.
Barbara Daly (Julianne Moore), aus einfachen Verhältnissen kommend, heiratet in den 1940er Jahren den reichen Erben des Bakelit-Imperiums, Brooks Baekeland (Stephen Dillane). Der Sprung in die amerikanische Oberschicht ermöglicht ihr ein glanzvolles Leben an der Seite von Brooks, doch eigentlich passt die rothaarige und charismatische Barbara nicht zu ihrem gebildeten, unter besten Umständen aufgewachsenen Ehemann. Die Geburt ihres Sohns Tony bringt die ständig gefährdete Balance dieser extremen Ehe weiter in Schieflage. Während Barbara ihn heiß und innig liebt, ist der stille Tony (Eddie Redmayne) in den Augen seines Vaters ein Versager. Als Brooks seine psychisch immer unausgeglichenere Frau eines Tages für eine jüngere Geliebte verlässt, wird der heranwachsende Tony zunehmend zum Ersatz für die sozialen und emotionalen Bedürfnisse von Barbara. Aus der immer unbedingter werdenden Intimität von Mutter und Sohn erwächst schließlich die Saat einer spektakulären Tragödie. Kulturwoche.at: Was hat Sie an dem Buch Savage Grace gereizt? Wie bei Swoon, dem letzten Film, bei dem Sie Regie führten, handelt es sich auch hier um ein Tabu, um eine 'verbotene' Liebesgeschichte, die mit einem Mord endet. Tom Kalin: Ich war gefesselt von der sensationellen Geschichte der Baekelands, aber mehr noch von dem Echo der klassischen Tragödie, das sich darin findet. Die traurige Schönheit des Stoffes zog mich an, dieser Zusammenprall von Eleganz und Gewalt. Trotzdem war der Höhepunkt des Films, Barbaras Tod, nicht das, was mich am meisten reizte. Barbaras Originalität, ihr spezifisch amerikanischer Charakter, ihr glänzender Aufstieg und verheerender Fall, das waren die Elemente, die ich an diesem Drama schätzte. Am Ende empfand ich durchaus Mitgefühl für sie, eine, wenn auch komplizierte, Loyalität. Natürlich war eine Tragödie für solche Menschen unvermeidbar. Um dazu eine Besprechung des Buches Savage Grace zu zitieren, die Geschichte der Baekelands ist eine Geschichte 'vom profunden Versagen bei den einfachsten Pflichten der Liebe'. Der Film reicht über einen Zeitraum, in dem es viele Veränderungen gab, von den 1940er bis zu den 1970er Jahren. Wie viel künstlerische Freiheit hatten Sie bei der Adaption des Buches? Ist die Struktur, die Sie dann wählten, weit vom Buch entfernt? Ich konnte mit dem Drehbuchautor, Howard Rodman, hervorragend arbeiten. Wir wussten beide, dass das Buch zu ausufernd für eine einfache Adaption war. Es ist hauptsächlich in wörtlicher Rede abgefasst, es besteht aus unzähligen Berichten von Zeugen oder Teilnehmern der Baekeland-Saga, und es umspannt dazu noch beinahe das ganze Jahrhundert. Howard und ich begannen, jeder für sich, die fünf Momente in Barbaras Lebensgeschichte herauszufiltern, die wir für entscheidend hielten. Als wir unsere Ergebnisse verglichen, waren sie fast identisch. Zu einem großen Teil ging es um die Entscheidung, was man weglässt, und wie man die Wendepunkte ihres Lebens in eine Geschichte einbettet. Warum wollten Sie Julianne Moore als Barbara? Ich traf Julianne kurz, als Todd Haynes Safe drehte, und später noch einmal am Set von Far From Heaven. Julianne ist eine der begabtesten Schauspielerinnen unserer Zeit, ihre Arbeit zeigt eine erstaunliche Bandbreite und Vielschichtigkeit. Ich dachte, sie wäre als Barbara unvergesslich, denn sie wüsste instinktiv, wie man dieser Rolle Menschlichkeit und emotionale Tiefe verleiht. Ich schickte ihr das Drehbuch und wir trafen uns anschließend zum Essen. Ich plapperte nervös, während sie sich ein Album mit Fotos von Barbara, Tony und Brooks anschaute. Man konnte ihre Ähnlichkeit mit Barbara nicht übersehen. Das war natürlich ein zusätzlicher Bonus. Tatsächlich aber war es Juliannes Fähigkeit, durch winzige Gesten Gefühle sichtbar zu machen, mit der sie später Barbara zum Leben erweckte. Außerdem war es toll, dieser Figur über eine lange Zeitspanne zu folgen, zuzusehen, wie Julianne dieses ganze Leben durchspielte, vom Triumph bis zum Scheitern. Die Charaktere in Savage Grace sind vielschichtig. Können Sie uns sagen, wie Sie die drei Hauptfiguren Barbara, Brooks und Tony sehen? Barbara Daly Baekeland besaß eine unbekümmerte Ausstrahlung, die für Frauen damals selten war und darin bestand auch ihre Anziehungskraft auf Brooks. Ihre Schwäche war ihr Narzissmus, dem eine tiefe Unsicherheit zugrunde lag, und ihre Obsession, einer gesellschaftlichen Oberschicht anzugehören. Die Menschen um sie herum sahen sie als mutig und närrisch gleichzeitig. Ihre Fähigkeit, sich selbst ständig neu zu erfinden, erforderte Kraft und Phantasie, aber sie offenbarte auch ihre Angst, demaskiert zu werden als jemand, der nicht gut genug ist für seine Umgebung. Wie ist Barbaras und Brooks' Haltung zu Tonys Homosexualität? In jener Zeit war das ein heikles Thema, aber Barbara scheint dem ziemlich ambivalent gegenüber zu stehen... Manche Menschen glauben, dass Barbara mit Tony schlief, um ihn "von seiner Homosexualität zu heilen". Ich denke, die Wahrheit ist wesentlich komplexer. Sex war nur ein Element unter vielen in ihrem rituellen Tanz um Abhängigkeit und Verletzung. Brooks wurde deutlich abgestoßen von Tonys Homosexualität. Er glaubte, dass das der Grund sei, warum er im Leben versagte. Barbara hingegen war weniger hart. Obwohl sie wütend war über Tonys Freund Jake, über seine sexuelle Anziehung und die Macht, die er auf Tony ausübte, verstieß sie ihren Sohn nie so wie Brooks es tat. [Das Gespräch fand im Rahmen der Viennale '07 statt.] Film-Infos: Besetzung: Regie: Tom Kalin |
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